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TU Berlin

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Fachgebiet Architekturtheorie

Herzlich willkommen am Fachgebiet für Architekturtheorie!

In modernen Gesellschaften ist Architektur ohne kritische Reflexion nicht möglich, ganz im Sinne der Erkenntnis, dass gerade in modernen Gesellschaften Kultur ohne Kulturkritik gerade jene Barbarei (1) wäre, gegen die sich Kultur seit jeher abzugrenzen versuchte.

Architekturtheorie ist daher ein zutiefst modernes Anliegen, da das Bedürfnis danach unmittelbar aus der besonderen Entwicklungsdynamik der Moderne resultiert. Mit dem Aufkommen neuer Materialien (Stahl, Beton, Glas), neuer Technologien (Maschine, Foto, Film, Computer, Smart Phone) und neuer gesellschaftlicher Ordnungen seit dem 18. Jahrhundert kann die Architektur ihre orientierenden Maßstäbe nicht mehr ohne weiteres und unhinterfragt der Tradition, dem Alterprobten und den Vorbildern vergangener Epochen entlehnen (2). Wo alles ständig in Bewegung und in Veränderung ist, muss sie die Frage nach ihren Zielen, nach der Angemessenheit ihrer Methoden, ihrer Mittel und praktischen Wirkungsweise stellen. Evident wird dies an den kulturellen Übergangsstellen, wie zum Beispiel am Übergang von der feudalen zur bürgerlichen Gesellschaft, am Übergang von der manuellen zu maschinellen Produktion im 19. Jahrhundert, wie auch heute an der Wende vom analogen zum digitalen Zeitalter.

Architekturtheorie ist die kritische Reflexion über das Gemachtwerden und Gemachtsein der Architektur sowie die kritische Reflexion über ihre kulturelle Funktion der Architektur im dynamisch sich ändernden, kulturellen Kräftefeld. Das Ziel dieser kritischen Reflexion ist, Vorstellungen und Modelle zu hinterfragen, zu bestätigen oder neu zu formulieren, unter deren Anleitung der Mensch sich eine ihm zuträgliche, vom Zustand der reinen Naturhaftigkeit sich unterscheidende Umwelt schafft.

Den besonderen Stellenwert der Architekturtheorie macht aus, dass erst in der kritischen Reflexion die Architektur in ihrer ganzen Komplexität und gesellschaftlichen wie sinnlichen Wirkungsweise zum Bewusstsein kommt. Architekturtheorie ist Ausdruck einer Krise. Sie ist Zeichen eines „Geistes, der von sich selbst wieder Besitz“ (3) ergreifen muss. Als Medium des Bewusstseinsprozesses steht sie demnach einerseits auf der Seite der Gesellschafts- und Geisteswissenschaften, während sie andererseits ihren Fokus in der Lebenspraxis und materiell-räumlichen Praxis der Architektur hat. Wo die Architektur als sinnliche Erfahrung, als konstruktive Realität und als soziales Bezugssystem der dynamischen Kraft des kulturellen Kräftefelds der Moderne unterworfen ist, zeigt sich die Architekturtheorie als zutiefst modernes Anliegen.



1. Nachdenken über Architektur, traditionelle Theorie und kritische Theorie

Entsprechend der kulturellen Dynamik veränderte sich über die Jahrhunderte hinweg die Art und Weise der Reflexion über die Architektur. Wenn die Architektur jene kulturelle Tätigkeit ist, mit der wir uns eine uns angemessene Lebenswelt schaffen, so scheint die Architektur nicht ein für alle Male definiert zu sein, sondern wird, wo das kulturelle Kräftefeld sich verändert, darauf Bezug nehmen und sich ändern müssen. Was für den Menschen angemessen ist, ist nicht nur eine Frage seiner anthropologischen Grundbedingungen, sondern auch eine Frage des jeweils existierenden kulturellen Bezugssystems. Historisch lässt sich die Reflexion über die Architektur in 3 Phasen einteilen:

a. Nachdenken über Architektur – In vormodernen Gesellschaften war die Architektur Teil eines nur über lange Zeiträume sich ändernden, kulturellen Kräftefelds, in dem ohne größere Brüche das Wissen der Architektur von Generation zu Generation weitergegeben wurde. Dies führte im Laufe der Zeit wohl zu unterschiedlichen Artikulationsformen, Codes und Stilen, die gesellschaftliche Stellung der Architektur wurde jedoch nicht in Frage gestellt.

b. Traditionelle Theorie – Seit der Aufklärung und verstärkt durch die Industrialisierung ist die Kultur von einer großen Veränderungsdynamik auf technisch-materieller, gesellschaftlich-sozialer und ästhetisch-sinnlicher Ebene geprägt. Technologische und gesellschaftliche Veränderungen zwingen zur Frage nach den Grundlagen der Architektur. Die Theorie der frühen Moderne ist wesentlich durch die Frage nach dem Wesen der Architektur unter den veränderten, aktuellen Bedingungen geprägt. Das hat seinen Höhepunkt in den Auseinandersetzungen um die Moderne zu Beginn des 20. Jahrhunderts bei Louis Sullivan, Henri van de Velde, Adolf Loos, Walter Gropius, Le Corbusier etc.

c. Kritische Theorie Mit dem Bauwirtschaftsfunktionalismus der Nachkriegszeit wird die moderne Architektur selbst zum Problem. Die Moderne muss jetzt ihre eigenen Ziele und Methoden der kritischen Reflexion unterziehen. Man spricht von der Notwendigkeit zur doppelten Reflexivität. Es sind hier wesentlich drei Kritiken, die gegenüber der modernen Architektur vorgetragen werden: 1. Kritik am Verlust der Sprachlichkeit der Architektur, 2. Kritik am Verlust der Historizität oder Geschichtlichkeit der Architektur und 3. Kritik am Verlust der Autonomie, an ihrer sozialen Funktion und an ihrer Unterordnung unter den Bauwirtschaftsfunktionalismus.

 

2. Architekturphilosophie, -theorie und -kritik

In der kritischen Reflexion besteht heute der wissenschaftliche Anspruch einer kritischen Architekturtheorie (Doppelte Reflexivität). Die kritische Reflexion der Architektur besitzt jedoch unterschiedliche erkenntnis- und wissenschaftstheoretische Ausrichtungen und Gehalte. Sie ist unterschiedlichen Zielen verpflichtet. So lassen sich drei Reflexionsebenen unterscheiden:

a. Architekturphilosophie — Sie ist zu verstehen als die Reflexion der kulturellen Funktions- und Wirkungsweise der Architektur. Sie ist analytischer Art. Ihr liegt in erster Linie ein erkenntnistheoretisches Interesse zugrunde. Dennoch wäre sie als eine Metaphysik der Architektur missverstanden, da sie selbstverständlich immer die Architektur in ihrer gesellschaftlichen und materiell-gebauten Realität zum Inhalt hat.

b. Architekturtheorie (im engeren Sinne) — Sie ist zu verstehen als die Reflexion der Architektur in Bezug auf ihr Gemachtwerden und Gemachtsein. Im Zentrum stehen die Frage nach den Vorstellungen und Modellen gelungener Architektur. Dies hat einen besonderen Fokus in den materiellen, konstruktiven und verfahrenstechnischen Fragen. In diesem Sinne ist die Architekturtheorie eine praktische Ästhetik. Da sie auf das Gemachtwerden und das Gemachtsein gerichtet ist, besitzt sie sowohl analytische als auch spekulativ-kreative Elemente.

c. Architekturkritik Sie ist zu verstehen als die Reflexion in der Öffentlichkeit über die Funktions- und Wirkungsweise der Architektur. Sie findet überwiegend im Übergangsbereich zwischen den beteiligten Experten (Architekten, Ingenieure, Behörden etc.) und den Betroffenen bzw. der Öffentlichkeit statt. Eines ihrer wichtigsten Medien ist das Feuilleton.

 

3. Forschungsschwerpunkte

a. Architekturtheorie als Grundlagenwissenschaft — Im Zentrum stehen die Fragen nach den Grundbegriffen und den wissenschaftlichen Methoden der Architekturtheorie und deren Erweiterung bzw. Veränderung unter den aktuellen technologischen wie gesellschaftlich-kulturellen Bedingungen. In der bisher praktizierten “zügellosen” Architekturtheorie werden verschiedenste Ansätze aus der Kunstgeschichte, Germanistik, Soziologie, Kulturwissenschaften und den verschiedenen philosophischen und naturwissenschaftlichen Wissensgebieten praktiziert. So entlehnt bis heute die Architekturtheorie ihre Wissenschaftsmethoden oft der Diskursanalyse (Foucault), der Sprachphilosophie (Derrida, Barthes), der Semiotik (Goodman), Hermeneutik (Pérez-Gómez), Phänomenologie (Böhme, Plessner, Bollnow) oder Medientheorie (McLuhan, Deleuze, Latour, Kittler). Dabei tritt immer wieder hervor, dass diese Wissenschaftspositionen die Architektur mehr als Metapher und Bild für Konstruktion und System behandeln denn als das, was die Architektur nun einmal ist: situative, materielle und konstruktive Konkretion des allgemeinen kulturellen, d. h. gesellschaftlichen Kräftefelds (Bourdieu). Es bedarf hier eines klaren, erkenntnistheoretischen Ansatzes, einer Systematisierung, Spezifizierung und gleichzeitig Erweiterung der methodischen Instrumente – ein lohnenswertes, notwendiges und interdisziplinäres Forschungsfeld.

b. Architekturtheorie als Theorie der Geschichte — Eine der wesentlichen Grundlagen der Architekturtheorie ist die Theorie der Geschichte. Ohne sie ist Theorie nicht leistbar. Gerade als eine kulturelle Praxis, mit der sich die Menschheit eine ihr angemessene Lebenswelt schafft, bleibt die Architektur auf Modelle des Zusammenwirkens von Erinnerung, Gegenwartspraxis und Zukunftserwartung angewiesen. Es gehört zu den großen Defiziten der Architekturtheorie bisher, dass bis auf wenige Ausnahmen Modelle der Geschichte in großer Simplifizierung und mehr oder weniger unreflektiert zugrundegelegt werden. Auch hier eröffnet sich ein lohnenswertes wie auch grundlegendes Forschungsfeld.

c. Architekturtheorie als kritische Reflexion aktueller Praxis — Mit den neuen digitalen Technologien, mit der Globalisierung, der Umweltproblematik, mit dem Bevölkerungswachstum, der Verstädterung und den sozialen Netzwerken ist das kulturelle Kräftefeld in einem stetigen Wandlungsprozess begriffen. Interessanterweise wird Architektur heute immer noch zur hardware gerechnet. Sie gilt als historisch, materiell, immobil und im Wesentlichen unveränderlich. Dabei wird übersehen, dass die Architektur durch ihre räumliche und materielle Konzeption auf vielfältige Art und Weise die Prozesse des Lebens konditioniert. Aus der Perspektive des „zweiten digitalen Zeitalters“ scheint die Architektur somit weniger historisch und weniger materiell als noch im analogen Maschinenzeitalter. Architektur scheint heute mehr software als hardware. Hier eröffnen sich interessante, interdisziplinäre Forschungsgebiete.

 

_________________________

(1) Herbert Schnädelbach, Plädoyer für eine kritische Kulturphilosophie, in: Kulturphilosophie, hrsg. v. R. Konersmann, Leipzig 1996, S. 311.

(2) Vgl. dazu Jürgen Habermas, Der philosophische Diskurs der Moderne, Frankfurt/M. 1985.

(3) Friedrich Nietzsche, Ecce homo, in: Ders., Kritische Studienausgabe. Werke, Bd. 6, hrsg. v. G. Colli u. M. Montinari, Hamburg 1999, S. 322.

     

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